Eines Tages... - Greypilgrim.net
 

Eines Tages...

Jeder Atemzug brannte in seinen Lungen, als er sich nach Luft ringend an der Mauer festhielt. Die Wände der engen Gasse warfen sein Keuchen hallend zurück, als würden sie sich mit einem gehässigen Lachen über ihn lustig machen. Sein Herz raste. Was war geschehen?

Enathan setzte sich auf die Stufen eines Hauseingangs und sah sich um, versuchte herauszufinden, wo er war. Und vor allem, warum er hier war. Es war Nacht, so viel war ihm klar. Grelle Farben von Neonlichtern und holografischen Anzeigen drangen von einem Ende der Gasse ein und versuchten vergeblich die Dunkelheit zwischen den alten Gebäuden zu vertreiben. Irgendwo am anderen Ende, wo es noch dunkler war, fiel eine Glasflasche klirrend um, als ein Penner sich, vom Lärm geweckt, in seinem Nest aus alten Decken und zerbrochenen Kisten umdrehte.

Enathan kannte die Gasse. Es war eine der vielen schmalen, verwinkelten Seitengassen in der halbverfallenen Altstadt von Graz. Er war hier sicher schon das eine oder andere Mal durch gerannt oder hatte sie mit seinem Hoverbike als Abkürzung genommen, um einer Polizeistreife zu entgehen oder um bei einem Wettrennen mit Freunden einen kleinen Vorteil zu erringen. Doch warum war er jetzt hier? So sehr er auch angestrengt nachdachte, an der Stelle, wo sonst die Erinnerung sein müsste, war nur ein dunkles Loch, das sich immer mehr mit stechenden Kopfschmerzen füllte.

 

„Das war ja mal 'ne echt krasse Aktion!“

Er zuckte zusammen, als er die Stimme hörte.

„Hast ihn einfach umgehauen.“ Sie saß ein paar Meter höher auf einem Mauervorsprung der gegenüber liegenden Wand und grinste ihn verschmitzt an. Ihre roten Locken fielen ihr dabei ins Gesicht.

„Was?“ Irgendwie kannte er das Gesicht, aber er wusste nicht woher. Sie war ein, zwei Jahre jünger als er, vielleicht sechzehn. „Was willst du? Wer bist du überhaupt?“, fragte er schroff.

„Rosie.“ Ihr Grinsen wurde breiter. „Schon vergessen?“

„Rosie...“, sprach er ihr langsam nach, als würde das Wiederholen des Namens die Erinnerung zurück bringen.

„Rosie. So heiße ich“, echote sie. „Sag mal, wie hast du das gemacht?“

„Wie hab ich was gemacht?“

„Na grade eben. Hast meinen Bruder einfach umgehauen. Nicht dass es mich stören würde, er hat es sicher verdient, weil er ja auch immer gemein zu anderen ist, aber es sah schon sehr schräg aus. Verrätst du mir, wie du das gemacht hast?“, sprudelte es aus Rosie heraus.

„Ich weiß nicht, wovon du redest. Ich kenne deinen Bruder nicht.“ Enathan spürte, wie er langsam wütend wurde. Er hatte noch immer keine Ahnung, was passiert war, aber offenbar hatte er mal wieder Schwierigkeiten. Auch wenn nicht alle seine Sorge teilten. Doch Rosies freches Grinsen machte die Situation nicht gerade besser.

„Ich brauch was zu trinken“, stellte er am Ende seiner Überlegungen fest und sah sich erneut um, als würde sich allein durch seinen Wunsch die Tür zur nächsten Kneipe öffnen. Ohne weiter auf Rosie zu achten stand er auf und ging den Neonlichtern entgegen.

 

Wenig später betrat er das XRay, eine heruntergekommene Bar, in der sich Punks und Biker, längst zu alte Nutten und andere Nachtschattengewächse zuhause fühlten. Eine Wand aus Rauch und dem Geruch von billigem Alkohol stemmte sich ihm entgegen, als er die Tür öffnete. Irgendetwas an lauter, trashiger Musik dröhnte aus den alten Boxen. Zielstrebig ging er zur Theke.

„Na was geht?“, begrüßte ihn Tommy, der als Barkeeper schon ebenso zum Inventar gehörte, wie die immer gleichen Gestalten, die Nacht für Nacht die abgenutzten Sofas besetzten.

„Ach, frag nicht“, gab Enathan zurück und setzte sich auf einen freien Barhocker. Er strich sich die rotblonden, halblangen Haare zurück und versuchte dabei möglichst cool zu wirken. Es gelang ihm nicht.

„Das Übliche?“

„Nein, gib mir einen doppelten Zero G.“

„So schlimm?“ Tommy musterte ihn einen Moment, griff dann zu einem Glas und füllte es mit einer klaren Flüssigkeit. Ohne wirklich hinzusehen kippte sich Enathan den Inhalt in den Hals und schob das leere Glas zu Tommy zurück. Dieser schenkte nach und lies dann die schlanke Flasche wieder unter der Theke verschwinden. Der hochprozentige Alkohol brannte seinen Hals hinunter und Enathan spürte, wie sich in seinem Bauch wohlige Wärme breit machte. Das bringt zwar nicht meine Erinnerung zurück, dachte er sich, aber man fühlt sich wenigstens nicht so elend dabei.

„Freundin von dir?“ Tommy nickte zur Tür, wo gerade Rosie hereinkam und trotzig auf die beiden zu stapfte.

Enathan seufzte gequält und wollte schnell ein Gespräch mit dem Barkeeper beginnen, doch dieser zuckte nur mit den Schultern und zog sich mit einem Schmunzeln in den Mundwinkeln ans andere Ende der Theke zurück.

„Man könnte meinen, du läufst vor mir davon“, baute sie sich vor ihm auf und stütze die Hände in die Hüften. „Das war nicht nett von dir, mich einfach so in der Gasse sitzen zu lassen.“

„Hör mal“, erwiderte Enathan genervt, „ich weiß nicht, wer du bist oder was du von mir willst. Ich weiß ja nicht mal, was in den letzten Stunden passiert ist.“

„Du meinst das ernst?“, fragte sie und sah ihn forschend an.

„Ja!“

„Nach der Aktion läufst du einfach weg und hast keine Ahnung mehr, was du gemacht hast? Nicht schlecht.“

„Sag ich doch“, brummte er und wandte sich dem vollen Glas vor ihm zu. Aus den Lautsprechern kreischte gerade etwas, das entfernt an Gesang erinnerte und mit schnellen Bassrhythmen wetteiferte, als wollte jemand seinen verzweifelten Anteil zur Situation beitragen. Rosie setzte sich auf einen Hocker neben ihn und gemeinsam starrten sie vor sich hin.

Nach einer Weile konnte Enathan das aufdringliche Schweigen nicht mehr ertragen und da Rosie offenbar nicht die Absicht hatte, wieder zu gehen, wandte er sich an sie. „Okay, welche Aktion? Was ist passiert? Du scheinst ja offenbar besser Bescheid zu wissen als ich.“

Rosies Gesicht hellte sich auf, als hätte sie nur darauf gewartet. Sie holte tief Luft und begann zu erzählen. „Also ich weiß nicht genau, wie du zu uns gekommen bist, aber du bist ja einer von den Neuen. Zumindest hat mir Johnny gesagt, dass du einer von den Neuen bist. Johnny, mein großer Bruder“, ergänzte sie auf Enathans verständnislosen Blicks hin. „Jedenfalls müssen alle Neuen irgend einen blöden Test bestehen, bevor sie wirklich dazu gehören. Hat Johnny sich ausgedacht. Er steht auf solche Spielchen und macht sich einen Spaß daraus, andere zu verarschen. Naja, Jungs halt. Es traut sich ja auch keiner was gegen ihn zu sagen. Außer Crack vielleicht.

Jedenfalls darf ich bei sowas nie dabei sein, weil ich noch zu jung bin, meint Johnny, aber ich hab mich trotzdem rein geschummelt und heimlich zugesehen. Ihr beide, also du und Johnny, seit da wegen irgendwas in Streit geraten und habt euch ziemlich angeschrien. Und dann ist es passiert. Er stand plötzlich einfach nur so da, begann zu zittern und bekam Nasenbluten. Darauf hin ist er umgefallen, ohne dass du ihn berührt hast.“

Enathan starrte sie ausdruckslos an, als würde sie von einer ihm völlig unbekannten Person erzählen.

„Du bist einfach weggerannt“, fuhr sie fort, „und ich dir hinterher. Hast mich neugierig gemacht. In der Gasse hab ich dich dann eingeholt.“

„Tut mir leid, das mit deinem Bruder. Das wollte ich nicht“, sagte er, obwohl er sich noch keinen Reim auf das Erzählte machen konnte.

„Schon in Ordnung, ich kann Johnny nicht ausstehen. Er kommandiert mich auch immer herum und ist gemein zu mir. Da schadet ihm eine Abreibung mal nicht. Und verrätst du mir jetzt, wie du das gemacht hast?“

„Ich weiß es nicht, ehrlich. Ich würde es dir sagen, wenn ich es wüsste. Aber ich kann mit deiner Geschichte noch nicht mal was anfangen.“

„Du bist ja komisch“, meinte sie enttäuscht. „Bist du auf irgendwelchen Drogen oder was?“

„Nein, bin ich nicht!“ Aber wirklich sicher war er sich auch hier nicht. Er blickte verzweifelt zu dem noch immer gefüllten Glas, das vor ihm auf der Theke stand. „Wo genau war ich eigentlich einer von den Neuen? Was macht Johnny?“

„Na bei Johnny und seinen Biker-Freunden. Bei den Red Panthers.“

Die Red Panthers, schoss es Enathan in den Kopf. Die coolste Hoverbike-Gang in der Stadt. Jeder wollte dort dabei sein. Zumindest jeder, der ein Hoverbike hatte und sich für richtig hart hielt. So wie Enathan. Er konnte sich wage erinnern, dass er vor einiger Zeit ein paar von ihnen kennen lernte und sie ihn in ihr Headquarter mitnahmen, eine alte verlassene Werkshalle am Ostufer der Mur, des Flusses, der durch Graz floss. War da auch Johnny dabei gewesen? Der wirre Nebel in seinem Kopf konnte ihm darauf keine Antwort geben.

„Okay, dann lass ich dich mal wieder allein“, unterbrach sie seine Überlegungen. „Aber hat mich gefreut, mit dir zu plaudern. Vielleicht sieht man sich ja wieder.“ Sie stand auf und wollte schon zur Tür gehen, als sie sich noch einmal umdrehte. „Ich bin sonst öfter im Sunshine Café, unten im Park Tower. Falls dir deine Geschichte wieder einfällt und du sie unbedingt jemandem erzählen willst.“ Sie zwinkerte ihm zu und eilte davon.

Enathan sah ihr wortlos nach. Es wird wirklich Zeit, dass dieser seltsame Tag zu Ende geht, dachte er sich erschöpft und begrub sein Gesicht in seinen Händen.

 

Am nächsten Tag saß Enathan am Schlossberg, einem kleinen, steil ansteigenden Hügel mitten in der Stadt, und lehnte sich an den Sockel einer bronzenen Löwenstatue. Eine kaum noch lesbare Inschrift erzählte etwas über einen Feldherren und Ereignisse, die viele Jahrhunderte in der Vergangenheit lagen. Wie viele andere Bauwerke auf dem Hügel und in der Altstadt selbst zeugte diese Statue von einer bewegten Geschichte, die jetzt kaum noch jemanden interessierte. Was auch immer einmal der Zweck dieses Schlossbergs war, heute waren auf ihm nur noch die Kommunikationsrelais und Radarstationen für den Raumhafen am Rande der Stadt von Bedeutung.

Sein Blick streifte über die Dächer der Altstadt, als er vor sich hin grübelte. Die alten Gebäude, teils von Stahlkonstruktionen gestützt oder durch neuere Anbauten erweitert, teils auch dem Verfall preisgegeben, umflossen den Hügel wie ein Meer aus Stein und Stahl. Einst war der Stadtkern sicher ein schöner Ort und von historischer Bedeutung gewesen, doch von diesem Glanz war nicht mehr viel übrig. Dafür glitzerten in der Ferne die Glasfassaden der modernen Hochhäuser, die hunderte Meter in den Himmel ragten und wie Bienenstöcke gleichermaßen Arbeitsplatz und Wohnort für unzählige Menschen boten. Sie bildeten einen breiten Gürtel um Graz, als wollten sie das schäbige Stadtzentrum vor den Augen Fremder verbergen. Zwischen diesen Türmen bewegten sich bunte Punkte hin und her, Hovercars und kleine Gleiter, welche die Häuser wie Bienen umschwärmten. Hinter dieser Wand aus Modernität und Reichtum lag im Südwesten der Stadt der Raumhafen. Auch wenn es nur ein kleinerer Frachthafen für den nahen Styrian Agriculture Complex war, zog es Enathans Sehnsucht immer wieder an diesen Ort. Er hatte ihn bis jetzt nur von außen gesehen, doch seit er das erste Mal ein Raumschiff von dort starten sah, war es sein sehnlichster Wunsch, eines Tages Raumpilot zu werden, diese Stadt und sein Leben in ihr hinter sich zu lassen. Aber statt einem eigenen Raumschiff mit einer Crew unter seinem Kommando hatte er nur sein altes, rostiges SpeedTec-3000-Hoverbike, das mit seiner zerkratzten, roten Lackierung neben ihm stand und schon bessere Tage gesehen hatte. Statt Reisen zu neuen Kolonien auf fremden Planeten, wie er es sich oft vorstellte, hatte er nur einen schlecht bezahlten Job als Botenjunge, brachte Päckchen von einem Glasturm zum anderen, kaum von den Menschen dort wahrgenommen. Eines Tages, dachte er wehmütig, eines Tages werde ich auch von dort abheben und zu den Sternen fliegen.